“Früher war alles besser…

da hatte die Jugend noch Respekt vor dem Alter, 

alle haben sich gegenseitig geholfen, 

es gab keine/ kaum Verbrechen, 

es gab weder arm noch reich,

da hat sich niemand verglichen oder andere herabgewürdigt…”

Die Liste wäre sicher noch länger, wenn ich nicht zu faul wäre, alles Aufgeschnappte zu zitieren 😂.

Und dann komme ich “alte Frau” mit über 50 daher und frage mit 🤨 “Echt?!” 

Ganz gleich, ob man in der DDR aufgewachsen ist oder nicht, Internet war ja noch nicht mal in der Form vorhanden, wie wir es kennen. Da hat man noch mit dem Wählscheibentelefon und CB etc hantiert.

Hatte die Jugend echt mehr Respekt vor dem Alter?  Gegenfrage: Macht man Respekt vom Alter und sozialen Status abhängig? Mag sein, dass die einen oder anderen Kinder und Jugendlichen vor den oft selbst dreisten Erwachsenen gekuscht haben.

Haben sich tatsächlich alle gegenseitig geholfen und das völlig uneigennützig? Nope! Es ist und bleibt in Ost und West (schade, dass man es noch heute trennt!) ein Charakterzug. Zu DDR-Zeiten war man durch den Mangel an Materialien natürlich aufeinander angewiesen und hat herum getauscht. War das wirklich “besser” als heute? Wer tatsächlich schon immer hilfsbereit war und das ohne Hintergedanken, wird es heute noch immer so sein. Wer nur aus Eigennutz oder gar in Mielkes Interesse “geholfen” hat, wird noch heute zumindest eigennützig helfen und das subtile “Was bekomme ich dafür?!“ mitschwingen lassen.

Gab es tatsächlich keine/ kaum Verbrechen? Selbstverständlich nicht 😜! Es war immer sowas von sicher, alle Menschen lebten friedlich miteiinander, ohne Diebstahl oder gar Mordfälle. Echt jetzt?! Nein, die Meldungen sind es, die eher zurückgehalten wurden und ohne Internet ein kleines Eckchen in der Zeitung gefunden haben. 

Gab es tatsächlich weder arm noch reich? Nein, es gab schon immer arm und reich. Es hat auch jeder ein anderes Gefühl dafür und es gibt natürlich Statistiken, ab wann man als arm oder reich gilt. Und völlig unabhängig, ob man durch eigenen Fleiß reich wurde oder unverschuldet arm ist, es ist unbestritten, dass die so genannte “Mittelschicht”  immer mehr verschwindet. Noch heute drischt man auf unverschuldete Arme ein, nur eben durch soziale Medien um ein Vielfaches sichtbarer. 

Hat sich tatsächlich niemand verglichen? Also, ich persönlich vergleiche mich schon immer mit anderen und das war früher ein ungesundes Maß aus “Warum können das anderen so gut und ich nicht?” oder “Wie kann man in einer minimalistischen Wohnung leben?” Da sprach allerdings eher der kleine Neid bzw. die Hochachtung, das zu beherrschen, heraus. 

Aber sowas wie “Der da lebt mit Haus, Pool, dickem Auto, das will ich auch!” nö 😁! Ich habe meine eigenen Ansprüche, die die Lebensqualität betreffen. Ich habe lieber mehr Zeit und lieber ein Einkommen und Vorsorge, die Existenz sichern. 

Unter Kindern gibt es natürlich oft Neid, warum Mitschüler A das hat und wir nicht oder Nachbar B hat etwas anderes, was nicht im eigenen Zimmer steht. Aber entweder hat man es durchs Elternhaus gelernt, einfach die Schultern zu zucken, oder es wird unter Nachbarn und Mitschülern ein ewig kranker Kampf, der am meisten Statussymbole präsentiert.

Heute wird dieser Kampf zusätzlich online in sozialen Medien ausgetragen. “Mein Pool, meine große Bude, mein dickes Auto”. Und ich sitze am Bildschirm: Meine kleine, aber feine Butze, meine Hilfsmittel, mein Schulterzucken.

Teures Smartphone? Nö, Mittelklasse für meine Zwecke. Luxus-Haushaltsgeräte, am besten eine Waschmaschine, die quatscht? Brauche ich nicht, meine wäscht und trocknet und piept, wenn sie fertig ist. Reicht! Staubsaugerroboter für über 1000 Eur? Nö, Mister Planlos bekommt sicher bald mal einen Kollegen mit Anbindung an App und Smart Home, wenn ich das Geld mal habe, aber günstig eine solide Marke. Das Ding soll mich unterstützen, nichts repräsentieren. Smartwatch? Jo, ich schlage den Anbietern mit Hausnotruf ein kleines Schnippchen, aber günstiger. Es ist also nicht nur der Blick auf die Uhr, es ist mein Notrufknopf am Handgelenk. Muss ich es präsentieren? Nope.

Und wurden andere nie herabgewürdigt, weil sie dies und jenes nicht haben oder nicht in teuerster aktuellster Form? Doch! “Was, Ihr fahrt noch einen Trabi? Wir haben jetzt Dacia!” habe ich zum Beispiel von einem Teil der eigenen Verwandtschaft noch in den Ohren. Später war das belächelte Objekt ein Moskvich. Meine Eltern werden bei solchen Vergleichen durch Onkel und Tante ebenfalls mit den Schultern gezuckt haben. Das Ding hat uns von A nach B gebracht und war reparierbar.

in der Zeit, als fast jeder mit einem Nokia durch die Gegend marschierte, sobald die ersten Mobiltelefone aufkamen, das Gleiche. “Wer hat denn noch einen Motorola-Knochen? Man hat jetzt Nokia!” Achselzucken meinerseits, ich konnte damit im Notfall telefonieren, habe mich für Trends kaum interessiert und das ist noch heute so. Es erfüllt seinen Zweck und gut ist. 

Was präsentiere ich in Social Media? Meine Errungenschaften? Nö, ich hatte lustige Bilder und Videos von meinen Tieren gepostet, Blogbeiträge, Aufrufe zur Unterstützung des Tierschutzes geteilt. Mein Statussymbol sah so aus -> 😍 , weil ich eben viel Rührendes und Lustiges mit meinen Tieren erlebt hatte. Konnte mir niemand nehmen.

Waren die Leute „früher“ wirklich zufriedener? Ich vermute mal, dass ganz ganz ganz viel früher die letzten wirklich zufriedenen Menschen die Jäger und Sammler waren. Befragen kann ich sie ja nicht mehr, da war ich noch nicht mal ein Wohnungsantrag. 

Wie könnte diese echte Zufriedenheit ausgesehen haben? Bestandsaufnahme im Nachtlager-> Papa und Mama nebst Kindern werden durchgezählt, ob alles ok ist. Kein Raubtier oder andere Bedrohungen in der Nähe, alle gesund und einigermaßen satt, gute Nacht!

Und was will die alte Frau aus der damaligen DDR damit sagen? Es gab schon immer solche und solche Menschen. Es gab schon immer Verbrechen, Armut und Reichtum. Es gab schon damals Gier und Dummheit, es gab schon immer Proller.

Es nicht gesehen zu haben, ist nur mit Verblendung ,Ignoranz und Verklärung zu erklären! 

Mein Respekt für andere Menschen hat sich nicht geändert. Ob jung oder alt, arm oder reich, es gibt erstmal “Vorschuss”. Danach entscheidet sich, ob der Respekt bleibt oder nicht. Und machen wir uns nichts vor: Es gibt wie bei allen Altersklassen auch Senioren, die Respekt und Rücksichtnahme für eine Einbahnstraße halten, wahrscheinlich weil man Kindern eingeimpft hat, vor dem Alter Respekt zu haben. 

Unterm Strich: Jeder definiert alles anders, schon bei der Zufriedenheit angefangen über arm, reich, Handhabung des Respekts. Wäre “früher” alles besser, hätten wir so viele Errungenschaften nicht, die genau die Leute nutzen, die die “gute alte Zeit” zurück wollen.

Ich finde nur die Leute glaubwürdig, die die „tolle alte Zeit“ immer noch leben. Dunkle Schrankwand, ohne jegliche Neuerungen seit der Wende.

Ich bin offen und dankbar für jede Entwicklung, die zwar auch Vor- und Nachteile birgt, aber weiß sie mit etwas Verstand sinnvoll zu nutzen.

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